Unsere Abirede 2006
Susi und ich hielten bei der Zeugnisausgabe die Abirede, die mit großem Applaus belohnt wurde
Susi: Verehrte Schulleitung,
Martin:
Werte Lehrerschaft,
Susi:
Liebe Eltern und Gäste,
Martin:
Und vor allem: liebe Abiturientinnen und Abiturienten!
Susi: Zu
den Festlichkeiten anlässlich unserer Zeugnisausgabe und Verabschiedung begrüßen
wir Sie alle recht herzlich.
Martin:
Das ist Susann!
Susi: Und
das ist Martin!
Martin:
Und wir halten heute die Abi-Rede.
Susi: Nur,
wie hält man eine Abi-Rede?
Martin:
Also, ich habe meine letzte Rede in der 10. Klasse bei Frau Herbst gehalten. Es
ging um das Thema „Todesstrafe“. Na ja, „Todesstrafe“ und „Abi-Prüfung“
ist ja fast dasselbe...
Susi: Es
gibt aber gewisse Regeln und formale Merkmale, die in jeder Rede gleich sind.
Was ist denn das wichtigste an einer Rede?
Martin:
Die Brille, damit man alles erkennen kann?
Susi:
Nein! Man braucht ein gutes Thema, was man als Aufhänger für die Rede nimmt.
Das ganze untermalt man schließlich noch mit Anekdoten
oder Zitaten.
Martin:
Also, ein Zitat hätte ich!
Der Baum hat Äste,
das
ist das Beste,
denn
wär er kahl,
dann
wär’s ein Pfahl!
Susi: Aber
nein Martin! Was hat denn das jetzt mit dem Abitur zu tun?
Martin: Ja
nichts, aber ich denke wir brauchen Zitate? Na ja, worüber wollen wir denn überhaupt
reden?
Susi: Über
Taschen!
Martin: Über
Taschen?
Susi: Ja,
wir werden über Taschen reden! Taschen sind doch praktisch! Es gibt sie für
jeden Anlass und jeden Geschmack, in allen möglichen und unmöglichen Farben
und Formen. Das ist doch Grund genug, um auf der heutigen Verabschiedungsfeier
über Taschen zu reden, oder etwa nicht?
Martin:
Also gut, packen sie jetzt nicht ihre Taschen weil sie gehen wollen! Holen sie
lieber die Taschentücher raus!
Susi:
Eben! Was hat uns durch das Leben und vor allem unseren Schultag begleitet?
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, was hat treu, sorgfältig und über all
die Jahre hinweg seinen Zweck erfüllt?
Martin:
Meine Mutti?
Susi: Die
auch, aber ich rede von unseren Schultaschen!
Martin: Ach so! Ja, das stimmt. Egal, ob bei Regen, Schnee, Hitzefrei, Klausuren, Wandertagen, Klassenfahrten oder Sportveranstaltungen – auf die Tasche konnte man sich einfach immer und überall verlassen!
Susi: Aber
schauen wir doch jetzt mal genauer hin, wie sich die Kindergartenmonster von
damals so entwickelt haben.
Martin:
Die Spielphase im Kindergarten. (Kindergartentasche)
Susi: Was war eigentlich drin in der Kindergartentasche? Nun in der Regel waren es eine Brotdose, ein Butterbrot und ein Kuscheltier. Aber was waren das für Leute, die mit dieser Art von – mit Vorliebe übrigens auf der Brust getragenen - Taschen herum liefen? Da gab es die Bandenchefs und Puppenmuttis, die Heulsusen die „Ich-sag’s-meinem-großen-Bruder-Sager“ sowie die Sandkastenarbeiter. Diese „Spielphase“ ist nun jedoch schon eine Weile her. Unsere Probleme beschränkten sich auf Kindergartenfreundschaftsrangordnungen, verbotene Süßigkeiten und Abends nicht ins Bett wollen. Dinge wie der Mauerfall interessierten uns wenig. Stattdessen lernten die Bandenchefs die elementaren Dinge des Lebens: Schuhe zu binden, Bilder für Mama malen, nicht bei fremden Männern ins Auto steigen, sich ordentlich hinsetzen und schön „danke“ sagen, wenn einem eine Tante eine Tafel Schokolade geschenkt hat.
Martin: Am
Ende der Kindergartenzeit konnten wir es kaum erwarten, mit knallbunten - bunter
- am buntesten Schulranzen (natürlich, Sporttasche, Federmäppchen und
Schultüte im gleichen Look) eingeschult zu werden. Schauen wir doch mal nach,
was uns die nächste Taschenphase über uns verrät.
Susi: Die
begeisterungsfähige Grundschul-Phase (Scout-Schulranzen)
Martin:
Wenn man das „Farbenwunder“ geöffnet hat, so blickte man auf nach Fächern
geordnete Hefte – gelb für Deutsch, blau für Mathe – Lesefibeln, Federmäppchen
mit gespitzten, ergonomisch wohlgeformten Stiften und wie könnte man es
vergessen: Stickeralben. In dieser „begeisterungsfähigen Phase“ lernten wir
die Grundlagen für unser späteres Abitur: Lesen, Schreiben, das Einmaleins und
manche lernten die ersten 20 bis 30 Englischvokabeln. Viele
wären in der Englischprüfung froh gewesen, wenn ihnen diese Vokabeln wieder
eingefallen wären... Als
Grundschüler gehörten wir zu den Menschen, die Dinge wie Leichtathletik und
Judo machten, Handball und Fußball spielten, sowie Klavier- oder Tanzunterricht
nahmen. Und so ganz Nebenbei ging man zur Schule, mit seinem kleinen immer
aufgeräumten Begleiter, dem Scout-Schulranzen.
Susi: Die
ersten vier Jahre unserer ewig andauernden Schulzeit bedeuten auch eine Art
Aufklärungsphase für jeden von uns. Wer kann sich nicht mehr daran erinnern,
wie erschreckend der Tag war, als der Weihnachtsmann als Opa und der Osterhase
als Mama enttarnt wurden? War es nicht auch die Zeit, in der
wir auf unterschiedlichste Weise herausfanden, dass der Peter das was
hat, was die Marie nicht hat und dass die Sache mit dem Storch und den Babys –
na ja, irgendwie doch ganz anders ist?!
Martin:
Genau, es hat nämlich etwas mit Bienen und Blumen zu tun! Dies lernten wir in
der Erkenntnisphase
Susi: Man
war nicht mehr der Grundschüler, sondern jetzt gehörten wir zur Förderstufe!
In der Grundschule waren wir schon die ganz großen, aber jetzt fingen wir
wieder ganz unten an auf der Karriereleiter. Für einen erfolgreichen Start
musste nun eine neue Tasche her. Weg mit dem lächerlichen bunten Kinderranzen!
Da musste etwas Intellektuelles her, ein Wort, was wir damals noch nicht einmal
schreiben konnten. So standen wir vor 9 Jahren mit unserem neuen Ranzen da und
konnten den Kampf gegen die Großen beginnen, die sich beim Schulessen immer
vordrängelten und auf den Toiletten rauchten In der neuen Tasche waren jetzt
große DIN-A4-Hefte ohne Hilfslinien, ein in Ehrfurcht vor der neuen
Fremdsprache ordentlich geführtes Vokabelheft und die Busfahrkarte. Der junge
Schüler, zwischen Grundschule und Gymnasium war nämlich zumeist eine
weitgereiste Kreatur und wusste sich in vollgestopften Bussen und unübersichtlichen
Fahrplänen zurechtzufinden. Kurz: Man war äußerst motiviert und wissbegierig.
Diese Gier nach Wissen und Erfahrung wurde von unterschiedlichen Quellen
befriedigt. Es gab mit einem mal Fächer wie Biologie, Physik, Englisch,
Geografie und Geschichte. Wissen auf anderen und viel interessanteren
Gebieten erlernten wir schließlich durch ein kleines Heftchen namens
„Bravo“. Es bekam seinen Festen Platz im Ranzen.
Martin:
Doch auch diese Tasche musste weichen. Es kam wieder zu einen
Schul- und Image-Wechsel. Es war zeit für die Rebellenphase! Wir
rebellierten gegen orthopädische Warnungen von Rückenproblemen und
Eselsohr-Prophezeiungen von Seiten der Lehrerschaft mit dem Kauf solcher Taschen
wie diesem „Eastpak“. Dieser Kauf leitete ebenfalls das Ende von Heftern und
Buchumschlägen ein. Statt vieler Hefte für jedes einzelne Fach reichte den
Rebellen aus der mittlerweile neunten bis zwölften Klasse ein Ringbuchblock mit
integriertem Zettelsammelsurium völlig aus. Was man nach langer Suche in einem
solchen Rucksack so fand? Das waren Zigaretten, Handys, Fahrschulbögen zum
Ankreuzeln im Englischunterricht und penibelst genau geführte Terminplaner für
den gestressten Rebellen. Gestresst – ja! Führerschein, Referate. Nebenjob,
Klausuren, Beziehung, Sport, Referate, Testate, Zukunftsplanung, Klausuren,
Referate... !
Susi:
Inzwischen waren wir Gymnasiasten so alt geworden, dass wir nun selbstständig
unsere eigenen Entscheidungen treffen konnten!
Martin:
Wichtige Entscheidungen waren zum Beispiel solche Dinge wie: „Gehe ich zu
Biologie oder lieber nicht... Mache ich die Hausaufgaben, oder nutze ich die
Zeit lieber sinnvoll?“
Susi: Wir
entwickelten deutlich viel mehr Interessen neben der Schule. Unser individuelles
Wissen und Können hat sich sehr verschieden ausgebaut und wir begannen unsere
eigene Meinung zu entwickeln. Wir wurden reifer. Reif für die Reifeprüfung.
Martin:
Reif für die Abiphase (nimmt einzelne Bücher unter den Arm)
Susi: Der
angehende Abiturient lernt zunächst, dass das Präfix „Abi“ vor fast jedes
Substantiv gesetzt werden kann. Explodiert dann am Anfang der Abi-Phase die
Abi-Bombe mit tollen Wortschöpfungen wie die : (Abi-Klausur,
Abi-Vorbereitung, Abi-Durchschnitt,
Abi-Kasse, Abi-Lerngruppe, Abi-Zeitung, Abi-Prüfungsfächer, Abi-Note,
Abi-Ball und Abi-Rede) so vergisst der Abiturient schnell, überhaupt so was wie
eine Tasche mit in die Schule zu nehmen oder beschränkt sich auf das Abi-nötigste...
Martin:
Jetzt sitzen die Kindergartenmonster von damals hier in der Aula unseres
Gymnasiums. Diesen Moment möchten wir noch einmal nutzen um unseren Tutoren
Frau Gerngroß, Herrn Hess und Frau Friedrich, sowie der Oberstufenkoordinatorin
Frau Dreiling und der Schulleitung für ihre zahlreiche Unterstützung zu
danken. Natürlich soll auch das gesamte Lehrerkollegium nicht vergessen werden
– gaben sie uns doch immer wieder einen Grund morgens 10 vor 7 noch schnell in
Eile die Tasche zu packen. Aber wie sieht eure Tasche für die nächste zeit
aus?
Susi: habt
ihr schon einen Riesenrucksack für eine Weltreise gekauft? Herr Goericke würde
bestimmt mitkommen!
Martin:
Oder packt ihr doch den alten Eastpak wieder aus, für’s Studium?
Susi:
Besorgt ihr euch etwa einen Aktenkoffer, für die Lehre in einer Bank?
Martin:
Wohin werden wir unsere Taschen tragen?
Susi: wer
hilft uns, wenn uns die Tasche zu schwer wird? In der Vergangenheit gaben uns
die Eltern immer wieder Tipps und gute Ratschläge was und vor allen Dingen wie
einzupacken sei – hiermit auch ein Dankeschön an Sie, liebe Eltern, wir
hoffen, dass wir auch in Zukunft auf ihre tatkräftige Unterstützung zählen können.
Martin:
Allerdings weiß niemand so genau, ob wir die Taschen irgendwann ausmisten und
vielleicht komplett neu packen werden…
Susi:
… oder was wir überhaupt einpacken ?
Martin:
Egal, was wir wann mit wem, wo und warum mit unseren Taschen machen werden –
eines ist sicher:
Susi : WIR HABEN UNSER ABI IN DER TASCHE!